Diese Seite wird noch erstellt.
Die Revitalisierung der ehemaligen Robotron-Kantine eröffnet die seltene Möglichkeit, ein fast im Original erhaltenes Zeugnis der ostmodernen Nachkriegsarchitektur in seiner räumlichen und kulturellen Bedeutung neu zu verankern. Der Entwurf „Die unendliche Geschichte“ versteht dieses Gebäude nicht als statisches Objekt, sondern als Ort, der – wie eine Erzählung, die nie ganz abgeschlossen ist – fortgeschrieben werden kann. Die bestehende Struktur wird dabei zur zentralen Hauptfigur: ein Bauwerk, das sich aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein bewegt und gleichzeitig offen für zukünftige Kapitel ist. In dieser Rolle wird es zum Vermittler zwischen Erinnerung und Neuerfindung, zwischen materiellem Bestand und gesellschaftlicher Vorstellungskraft.
Die denkmalpflegerische Haltung bildet das Fundament dieses Entwurfs. Die Gebäudehülle, mit ihren Formsteinwänden, Betonbrüstungen und der charakteristischen Terrassenfigur, wird substanzschonend saniert. Ziel ist es, die äußerliche Identität des Bauwerks zu erhalten, während es in seiner Nutzung und Bedeutung transformiert wird. Eine neue Rampe und das sorgfältig adaptierte Café in modularen K67-Elementen setzen Akzente, die die Tradition der Ostmoderne auf zeitgenössische Weise weiterschreiben. Die Bausteine wirken wie eingefügte Kapitel einer fortlaufenden Collage: Ergänzungen, die den Bestand nicht überlagern, sondern dessen erzählerische Tiefe erweitern.
Im Zentrum des Entwurfs steht das Prinzip der Collage als gestalterischer Leitgedanke. Die Robotron-Kantine wird nicht in eine homogene Gesamterzählung überführt, sondern bleibt ein Ort vielfältiger Stimmen, Spuren und Schichten. So entsteht eine Architektur, die bewusst unvollendet bleibt – nicht im Sinne von Mangel, sondern aus der Überzeugung heraus, dass kulturelle Orte lebendig bleiben müssen, indem sie sich stets weiterentwickeln können. Diese Offenheit spiegelt auch den Anspruch wider, dass Fantasie und Realität einander benötigen: Aus Vorstellungen entstehen Räume, und Räume wiederum ermöglichen neue Vorstellungen.
Das Innenraumkonzept gliedert sich in drei Raumlandschaften mit klar voneinander unterscheidbaren Atmosphären. Saal B wird von Ergänzungen befreit, seine Decke freigelegt und das Stahlbetontragwerk sichtbar gemacht. Durch diese zurückhaltende Intervention tritt die ursprüngliche Konstruktion in ihrer rohen Präzision zutage. Der Raum erzählt von der industriellen Klarheit seiner Entstehungszeit, ohne dass ihm etwas hinzugefügt wird. Die Geste des Entfernens schafft hier eine Art erhellte Stille, die den Blick auf das Wesentliche lenkt – ein Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die mitunter eher akkumuliert als bewahrt, und deren Räume sich nicht selten in funktionaler Überfrachtung verlieren.
Saal A folgt einem anderen Ansatz. Hier wird der Innenraum denkmalpflegerisch restauriert und konserviert. Die historischen Gestaltungselemente – die Arbeiten von Eberhard Wolf, die Materialität des Speisesaalensembles – bleiben sicht- und spürbar. In dieser Form wird der Raum nicht rekonstruiert, sondern als Zeugnis einer Epoche bewahrt, die im kollektiven Gedächtnis oft überschrieben wurde. Der Bestand wird so zum Medium der Selbstvergewisserung: ein Raum, der nicht versucht, jemand anderes zu sein, sondern in seiner eigenen Authentizität bestehen darf.
Zwischen diesen beiden Sälen liegt die Dauerausstellung als Lichtdeckenraum, ein White Cube, der sich als neutrale, atmosphärisch dichte Schicht in das Gebäude einfügt. Er bildet eine abstrakte Übergangszone zwischen den beiden charakterstarken Sälen. Dieser Raum funktioniert wie ein Moment der Leere, das notwendig ist, um Wahrnehmung, Bewegung und Reflexion neu auszurichten. Die Leere in architektonischer Form ist hier kein Verlust, sondern eine produktive Zone, in der neue Bedeutungen entstehen können. Sie verweist – ohne dies auszusprechen – auf jene Momente in Erzählungen, in denen Orientierungsverlust und Neuanfang dicht beieinanderliegen.
Die drei Raumlandschaften – Rohheit, Authentizität, Abstraktion – bilden gemeinsam den räumlichen Ausdruck einer fortschreibbaren Collage. Sie sind nicht als starre Typologien gedacht, sondern als lebendige Szeneabfolgen, die Besucherinnen und Besucher dazu einladen, sich immer wieder neu zu positionieren. Der Weg durch das Gebäude wird dadurch zu einer Erfahrung, die zwischen Realem und Imaginärem oszilliert.
Für den Ideenteil wird der bestehende Anbau genutzt, dessen strukturelle Potenziale für Büroflächen, Werkstätten, Workshopräume und Lagerbereiche aktiviert werden. Im Untergeschoss entsteht ein klar gegliederter Rundgang, der sich für Ausstellungen eignet und eine kohärente Führung durch verschiedene thematische Sequenzen ermöglicht. Diese Ergänzungen stärken die funktionale Zukunftsfähigkeit des Hauses und greifen die Erwartung des Auslobungstextes auf, wonach die zweite Ausbauphase insbesondere den Umgang mit Anbau und Untergeschoss untersuchen soll.
Der Entwurf positioniert die Robotron-Kantine im Kontext ihrer überregionalen Neubewertung als Kulturerbe der Ostmoderne. Der Baukörper bleibt als Solitär sichtbar und behält seine ikonische Gestalt. Gleichzeitig wird er zu einem Ort der Gegenwartskultur transformiert, der zeitgenössische Kunst, urbane Diskurse und gesellschaftliche Fragen zusammenführt. Er wird zum Ankerpunkt, an dem verschiedene Akteure – Kunsthaus Dresden, OSTRALE, House of Urban Culture und weitere Institutionen – zusammenfinden und gemeinsam neue Formen kultureller Teilhabe entwickeln können.
In dieser Rolle gewinnt das Gebäude eine neue Identität. Nicht als Kopie seiner Vergangenheit, nicht als glatte Neuschreibung, sondern als reflektiertes Selbst. Die Architektur lernt, wie die literarische Figur einer Reise, sich selbst zu akzeptieren, seine Geschichte zu erinnern und zugleich offen für neue Kapitel zu sein. Der Bau wird zum Gegenbild einer entleerten Realität, die nur das Messbare gelten lässt: Er fordert die Besucher heraus, sich einzulassen auf eine Welt, in der Fantasie und Erfahrung nicht getrennt voneinander existieren, sondern sich gegenseitig bedingen. Seine Räume widerstehen dem „Nichts“, das entsteht, wenn Orte ihrer Bedeutung beraubt werden. Sie stellen sich gegen die Vorstellung, dass kultureller Raum eindimensional, effizient oder rein funktional sein müsse.
So wird die Robotron-Kantine – als architektonische Figur – zu einem Ort, der daran erinnert, dass Räume, Geschichten und Menschen sich wechselseitig formen. Dass Fantasie kein Luxus ist, sondern eine Ressource. Dass Selbstvergewisserung notwendig ist, um in die Zukunft zu gehen. Und dass jedes kulturelle Gebäude, das ernst genommen wird, im Grunde eine unendliche Geschichte erzählt: eine Geschichte, die gerade deshalb weitergeht, weil sie niemals vollständig abgeschlossen wird.